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Aus der Welt der Literatur



2010-10-21
Das Eisenbahngleichnis (Erich Kästner / Kästner für Erwachsene / Atrium-Verlag / ISBN 3855359646)

Das abgedruckte Gedicht wurde dem Lyrikband „Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“ entnommen, illustriert von Reich-Ranickis Ehefrau Teofila, herausgegeben 2000 von der „Deutsche Verlags-Anstalt“ München.

Kästner besteht eben nicht nur aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“, „Emil und die Detektive“, „Drei Männer im Schnee“ oder „Pünktchen und Anton“. Von Beginn an war er den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge; sie belegten ihn schon bald mit einem Schreibverbot, erklärten seine als regierungskritisch und bolschewismusfreundlich eingestuften Texte als „wider den Deutschen Geist“ und ließen seine Bücher mit auf die Scheiterhaufen werfen. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen emigrierte er nicht, nahm die unvermeidlichen Drangsalierungen und Schikanierungen des Regimes auf sich. Unvergeßlich hierzu seine Anmerkung:

„Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –
wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt.“

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Das Eisenbahngleichnis
(Erich Kästner)


Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus, wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft. Ein andrer klagt.
Der dritte redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür hinein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm,
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit.
Und niemand weiß, warum.

Die erste Klasse ist fast leer.
Ein dicker Mensch sitzt stolz,
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und fühlt das sehr.
Die Menschheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in Spe.
Wir sehen hinaus, wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug.
Und viele im falschen Coupé.



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